Avantgarde unterm Messer
Noch nie waren Funktion und Glück so verbunden
Die deutsche Designerin Stefanie Hering fertigt nach jahrhundertealter Tradition Porzellan für die sinnliche Inszenierung von Nahrungsmitteln. Der Clou ist die konsequente Produktion in Deutschland.
Während Geschirr allgegenwärtig, so sehr zum öffentlichen Leben gehört, dass es gar nicht mehr wahrgenommen wird, erforscht Stefanie Hering die Grenzen des Porzellans und schafft einen stillen Einspruch zur urbanen Esskultur. Weltweit inszenieren Stars wie Nicole Kidman und Kochkünstler wie Michael Hoffmann (Margaux/Berlin) ihre Nahrungsmittel auf den ausgeklügelten Porzellanbühnen von Hering. »Der Teller ist die Fortführung phantastischer Gerichte aus dem grandiosen Garten der Natur«, erklärt Michael Hoffmann seine Begeisterung für das unglasierte Porzellan.
In 365 Tagen reifen die schneeweißen Produkte, die je nach Lichteinfall changieren als führe Wind in ein Weizenfeld, von der ersten Handskizze zur Serie. Abgezirkelte Gold- und Platinelemente verdunkeln oder erleuchten die ›Skulpturen‹ im Wechsel des Tageslichts. »Als Inspiration und Provokation«, sagt Stefanie Hering, »dienen schlechte Teile. Um einen Klassiker zu schaffen, der seine Funktion aushalten kann, müssen Ideen aus Bedürfnissen und Erfahrungen des Begreifens grundsätzlich hinterfragt und ganz durchdekliniert werden.« Als Endpunkt muss die Designerin ihr Produkt gegen Kritik und Fragen zweier Gestalter verteidigen. Ein kompromissloser Prozess, der dazu führt, dass sich mit jedem Biss die meditative Wirkung der Werke entfaltet.
Die aufwendige Herstellung des Porzellans erfolgt in Thüringen und die der jungen Glasproduktion in Bayern. »Verrückt ist«, sagt Stefanie Hering, »dass wir damit weiterkommen, in Deutschland zu produzieren und weltweit zu verkaufen. Dabei hilft sicher, dass wir kein Service vorschreiben, sondern dass jeder mit einem Stück sinnlicher Erfahrung beginnen und herausfinden kann, welche Besonderheiten sich dahinter verbergen.« Erstkäufer aber müssen gewarnt werden. Hering-Geschirr entfaltet einen Sog, der an Sucht grenzt. Nach der ersten Erfahrung möchte man nie mehr von einem gewöhnlichen Teller essen. Und am Ende fügt sich alles auch noch zu einem harmonischen Ganzen.
Schon während ihres Studiums, präsentierte die Perfektionistin Hering erste technisch vollkommene Arbeiten, von denen einige gleich den Sprung ins Museum schafften. Ursprünglich 1992 in Prenzlauer Berg gegründet, schufen Stefanie Hering und ihr Mann, der Architekt Götz Esslinger einen spirituellen und visuellen Erlebnisraum für ihr Unternehmen zwischen Berlin und Potsdam. Wie in einer privaten Boutique kann hier auch nach Herzenslust eingekauft werden. Dabei können Besucher durch die angrenzenden Schaffesräume wandern und vielleicht einen Blick auf die ersten Besteckentwürfe der Firma Hering werfen.