Der Weihnachtsmann, der wohnt in Mecklenburg
Bei uns zuhause kommt am Heiligen Abend traditionell immer das Christkind. Nach dem Gottesdienst warten wir gespannt vor dem verschlossenen Wohnzimmer und manches Mal kann man es dort drinnen sogar leise rumpeln hören und die Kinder sind sehr aufgeregt. Endlich! Endlich ist das Glockengeläut zu hören und die Türen werden geöffnet. Der Weihnachtsbaum steht in seiner ganzen Pracht hell erleuchtet und die Kinder haben große Augen.
Auch an dem ersten Weihnachtsfest in unserem alten Bauernhaus in der Mecklenburgischen Schweiz haben wir den Heiligen Abend auf diese Art gestaltet. Der Gottesdienst in der kleinen alten Feldsteinkirche war kalt, sehr kalt. Allein die warmen Gedanken an dieses Fest des Friedens und der Liebe halfen ein klein wenig darüber hinweg. »Stille Nacht, heilige Nacht« ertönte es und die Kälte ließ den Atem als weiße Wölkchen vor den Mündern aufsteigen. Dicke Mäntel, warme Mützen zieht hier niemand aus. Es ist ein Ort, der in uns Demut wecken sollte – Demut davor, dass wir heute in einem Land in einer Zeit leben, die viele Erleichterungen für uns bereit hält.
Nach dem Gottesdienst begann das schier unendliche Warten. Endlich setzte das Glockengeläut ein, die Bescherung, das Spielen mit den neuen Sachen…wunderbar. Aber was war das? Da klopfte doch jemand an das Küchenfenster. Ich sah hinaus…nein, das kann nicht sein! Da stand doch tatsächlich der Weihnachtsmann – so, wie er in den schönsten Bilderbüchern zu sehen ist. Wie kann das sein? Gibt es ihn wirklich, den Weihnachtsmann?
Meine beiden Kinder standen ehrfürchtig vor dem großen Mann mit dem langen weißen Bart und mein Sohn brachte sogar ein Gedicht über die Lippen. Allein meiner Tochter raubte der Anblick des Weihnachtsmannes vollständig die Sprache. Sie bekamen eine kleine Tüte mit Nüssen, Mandarine und etwas Schokolade. Gebannt schauten sie dem Weihnachtsmann hinterher, wie er mit seiner Laterne seinen Weg fortsetzte und durch den Schnee zum nächsten Haus stapfte. War das ein Märchen?
Wir haben lange gerätselt, wer so herzlich unsere Kinder mit dieser Überraschung bedacht hat. Einige Tage später erfuhren wir, dass ein Nachbar an jedem Weihnachtsfest die Kinder in unserem kleinen Dorf als Weihnachtsmann beglückt. Es ist sein ganz persönliches Engagement und seine Leidenschaft, den Kindern dieses wunderschöne Erlebnis zukommen zu lassen. Es rührte mich zutiefst, dass er auch an unser Haus klopfte, obwohl wir ganz neu in dem kleinen Mecklenburger Gutsweiler waren und uns noch nicht wirklich kannten.
Wir bedachten unsererseits diesen freundlichen (Weihnachts-)Mann mit selbstgebackenen Keksen und haben uns insgeheim schon auf das nächste Weihnachtsfest gefreut. Und richtig! Auch im Jahr darauf kam ›unser‹ Weihnachtsmann vorbei und meine Kinder sind sich nun ganz sicher: »Der Weihnachtsmann, der wohnt in Mecklenburg!«